So, der erste Tag des
Deutschen Multimedia Kongresses ist zu Ende. Damit endet für mich auch bereits die Veranstaltung weil ich den morgigen Workshop nicht besuchen werde.
Gut war’s. Interessant war’s.
Die spannendste Fragestellung, die ich aus dieser Veranstaltung herausgezogen habe, war im Prinzip gar nicht konkret das Thema eines Referenten. Sie entwickelte sich in der Anschlussdiskussion des Vortrages „Coke Side of Life – Das neue Lebensgefühl im Netz“. Nämlich die Frage:
Wie viel Web 2.0 verträgt eine Weltmarke?
Doch der Reihe nach. Nach der Begrüßung durch Klaus Haasis (Geschäftsführer der
MFG Baden Württemberg) sprach Bruce Livingstone die Keynote. Dieser ist CEO von
iStockPhoto.com, das jüngst von
Getty Images für 50 Millionen Dollar gekauft wurde.
Thema der Keynote „Monetizing the crowd in a Web 2.0 World“. Leider verwandte Bruce für konkrete Anregungen und Vorschläge zu diesem Thema nur fünf Minuten seiner Redezeit. Den restlichen Anteil nutze er für seinen Lebenslauf und vor allem um iStockPhoto.com vorzustellen. Einige Fakten:
- Über eine Million Mitglieder.
- 50 Angestellte.
- Alle 3 Sekunden wird ein Bild über iStockPhoto.com verkauft.
Web 2.0 definiert Bruce Livingstone übrigens so:
Integrated, webbased computing plattform for collaboration, powered by a network of human workforce.
Zu den “Secrets for making money with Web 2.0” nahm Bruce dann wie gesagt auch kurz Stellung. Hier drei Beispiele:
- Get an idea that causes a social epidemic
- Balance the commercial needs of your company with community needs.
- Realize that you have no control
Nach der Keynote referierten Sandra Griffel, Fabian Sax, sowie Renata Slisuric und Sven Küster über “Cue Management – Kundenansprache mit allen Sinnen”
Wie gehe ich also mit den Reizen, die der Kunde empfindet um? Wie kann ich diese steuern? Wie kann ich diese gezielt ansprechen?
Sandra Griffel von
denkwerk erläuterte den Umstand, dass das Marketing den Unternehmen durch Web 2.0 immer mehr aus den Händen gleitet und wie sinnvollerweise darauf zu reagieren ist. Auch hier einige Guidelines:
- Bleiben Sie authentisch (dem Markenwert treu)
- Hören Sie Ihrer Zielgruppe genau zu
- Bieten Sie echten Mehrwert.
Im Anschluss daran sprach
Fabian Sax über „Emotionen – oder was andere dafür halten“.
Fabian sprach mir gleich zu Beginn seines Vortrages aus der Seele. Warum zum Geier muss im Moment immer alles so schrecklich emotional sein? Er machte dies an zwei Komponenten fest. Zum einen lehrt die Hirnforschung genau das. Nämlich dass wir uns Dinge, die in uns Emotionen auslösen einfach besser merken. Zum anderen geht es schlicht um Eitelkeit. Die Agentur will Awards einheimsen. Daher frachtet sie die Kampagne mit Emotionen voll, in der Hoffnung bei der Jury zu punkten.
Alles in allem ein wirklich spannender Vortrag den ich mir gern noch 10 Minuten länger angehört hätte. Ach ja, ein Satz ist mir noch in Erinnerung geblieben, den ich auf dieser Konferenz so nicht erwartet hätte:
„Ich rate allen Unternehmen: Macht keine Weblogs, sondern kümmert Euch um vernünftige PR“.
Nach Fabian Sax folgte der eingangs bereits erwähnte Vortrag von Renata Slisuric (
Coca Cola) und Sven Küster von den
argonauten 360°.
So. Nun ist da also ein absoluter Global Player, der über eine junge emotionale Kampagne versucht auf der Web 2.0-Schiene zu fahren. Das große Problem an der Sache ist, das Unternehmen dieser Größe Konventionen, Vorschriften und Kommunikationsrichtlinien unterliegen, die sie von einem
Bremer Supermarkt oder einer
Kelterei in Arnsdorf einfach um Lichtjahre trennen. Und genau hier liegt der wunde Punkt: Ich will ja irgendwie schon webzweinullig sein, aber ich darf halt nur in sehr begrenztem Maße. Stichwort Kontrolle. Entsprechend groß waren teilweise die Fragezeichen im Gesicht einiger Teilnehmer, als die beiden mit der Präsetation der neuen „Coke Side of Life“-Kampagne fertig waren. Was war daran jetzt Web 2.0? Nun ich möchte das Ganze aufgrund fehlender Kenntnisse der internen Vorgaben gar nicht werten.
So nach lecker Essen (wer mit gesagt hätte, dass die Lasagne vegetarisch ist, hätte mir die trockenen Nudeln erspart ;-)) stand ein Streitgespräch auf dem Programm zum Thema: „Web 2.0 = Design 0.5?“ Gestitten haben sich Jutta Croll von der
Stiftung Digitale Chancen, Ralf Heller, Vorstand der
Virtual Identity AG,
Peter Kabel, (wem muss ich den noch vorstellen) und
Alex Wunschel freier Marketing- und Medienberater.
Das Kernthema: Viele Web2.0-Anwendungen sind vom Design her absolut reduziert auf das Wesentliche. Als Beispiel sei Flickr oder del.icio.us genannt. Sehr viel weiß, keine Spielereien, keine speziellen Fonts. Außerdem - so verlautete jedenfalls - soll das neue XING-Layout vom Ansatz her ganz ähnlich funktionieren.
Hier bin ich persönlich vom gestalterischen Gesichtspunkt etwas in der Zwickmühle. Ich sehe einerseits das Design immer als Mittel zum Zweck der Informationsübermittlung. Niemals ein Design um des Designs willen. Also klar strukturiert und möglichst einfach zu handhaben. Aber wir sollten uns davor hüten uns tot zu reduzieren, weil es sonst sehr schwierig wird eine Marke wiedererkennbar zu machen.
Zum Thema „Simpicity – Die neue Einfachheit“ referierte im Anschluss
Michael Volkmer (PDF) von
Scholz und Volkmer. Dieser erläuterte an verschiedenen Beispielen wie recht komplexe Sacherhalte auf hohem ästhetischen Niveau und trotzdem einfach verständlich dargestellt werden können. Auffällig: Es wurde hierfür relativ oft Flash eingesetzt. Ja das kann man auch sinnvoll nutzen, statt ISDN-Usern mit nutzlosen Megabyteschweren Animationen die Laune zu verderben.
Ein echtes Highlight war für mich dann der Vortrag von Konrad Marx (
Spreadshirt). Dieser vertrat seinen Kollegen Andreas Milles der über „Brandning ist tot – es lebe Do it yourself“ reden wollte. Ein Highlight nicht nur wegen der inhaltlichen Komponente, sondern weil Konrad so herrlich natürlich und sympathisch semiprofessionell referierte. Nicht dass ich mir das jetzt den ganzen Tag gewünscht hätte, aber es lockerte zu diesem Zeitpunkt doch sehr auf.
Nun, Konrad stellte das Konzept von Spreadshirt vor, was wohl als Paradebeispiel von
Crowdsourcing angeführt werden kann. Es geht um Social Shopping und Costumization. Ich denke, dass Spreadshirt schon allein deshalb eine sehr hohe Markenbindung erreicht, weil ja jeder Verkäufer seine eignen Ideen, Logos und Designs über diesen Shop verkauft. Thema emotionale Bindung. Spreadshirt versucht nun diese Bindung zu verstärken in dem es beispielsweise regelmäßig zu Contests aufruft. Beispiel: T-Shirt-Design-Contest. Jeder der wollte konnte also ein Design für ein T-Shirt einreichen. Das Beste gewann 1.000 Euro und wurde über Spreadshirt verkauft. Das ist nun alles schön und gut und kann ja auch immer imagefördernd als Chance für junge aufstrebende Designer verkauft werden. Fakt ist aber auch (bewusst etwas überspitzt formuliert): Die „Crowd“ hat die Arbeit, und die Company streicht die Moneten ein. Oder welche Firma könnte sich einen Pitch mit 600 Agenturen leisten? Konrad Marx verweist - darauf angesprochen - auf den hohen internen Aufwand der im Rahmen so einer Aktion betrieben werden muss. Das mag ich ja gern glauben, aber ich denke: Der Imagegewinn, die Markenbindung plus die gesparten Agenturkosten rechnen sich in jedem Fall. Aber man muss auch ganz klar sagen: Es zwingt die Leute ja keiner mitzumachen.
So um das Ganze jetzt etwas abzukürzen (es ist schon relativ spät). Im letzten Block sprachen Dr. Rene de la Barre, Thomas Rühlemann und Armin Pohl über „Die dritte Dimension – Innovative Designwelten“.
Alles in allem also ein gelungener Kongress, der mir viele neue Denksätze eröffnet hat.
tulmer - 28. Sep, 02:41